Theorie & Praxis
Einen Kommentar aus er werblichen, unbeteiligten Innensicht hat Angelo Peer der letzten Ausgabe des Bestseller veröffentlicht, wo er u. a. auf den UserInnen-Wahlkampf Bezug nimmt. Da der Beitrag online nicht zu finden ist, wird er hier mit Erlaubnis des Autors in voller Länge wiedergegeben:
Gerade in Wahlzeiten treten sie
wieder gegeneinander an:
Der professionelle Werber und seine Feinde
Angelo Peer
Eine seltsame Bewegung in der Wahlbewegung hat sich breit gemacht. Die Menschen achten plötzlich auf jenes notwenige Übel, das sie im Grunde ja so verachten: die Plakate. Da wird gesudert, was das Zeug hält, und beinhart gekämpft um die Lufthoheit überm linken Wirtshaustisch, den berühmt-berüchtigten Postingzonen des Standard. Einem professionellen Werber kommt unwillkürlich der Gedanke, dass da ein Kelch an ihm vorübergegangen ist. Die normal übliche Runde der Kritisierer, Besserwisser und professionellen Miesmacher von ein, zwei Dutzend erweitert auf Tausende? Um Himmels willen! Da entwirft man doch lieber Regalstopper für Hundefutter!
Ein interessantes Experiment haben sich die Grünen einfallen lassen: sie forderten Hinz und Kunz zum Plakatentwuf auf. In Anbetracht dessen, dass es sich bei den Einreichern nicht um völlig Ahnungslose handeln konnte, weil man da ja zumindest irgendein Grafik-Tool benötigt, sind die Ergebnisse erschütternd. Tiefstes Klischee wechselt ab mit No-na-Sujets und kranken Kreativspinnereien. Nur zwei, drei Perlen unter den über fünfzig Einsendungen. Und die hat keiner bemerkt, denn die öffentliche Abstimmung, an der sich jeder beteiligen konnte, hob als Sieger genau jene Arbeiten auf den Schild, die auch immer bei den Tests der “normalen” Kampagnen gewinnen: die absoluten Langweiler. Und das bei einer so aufgeklärten, progressiven Gruppe wie den Grünsympathisanten. Das Spitzensujet, für das sich jede Kreativagentur Venus und Löwen gleichzeitig abholen könnte, war denkbar einfach. Ein Bild von van der Bellen, und drüber steht: “Kreisky. Wer sonst.” Genial. (Wenn irgendwer weiß, wer das gemacht hat: bitte um Nachricht.) Der professionelle Werber jedenfalls kann aus dieser Aktion Befriedigung schöpfen. Jetzt weiß er, wozu er da ist. Das, was er beruflich macht, kann halt nicht jeder. Obwohl es natürlich auch bei den Profis nicht jeder so richtig kann.
Hochinteressant ist der Strategiewechsel der beiden Großparteien. Vor zwei Jahren warb die SPÖ mit Versprechungen und die ÖVP staatstragend, diesmal ist es genau umgekehrt. Bei Wahl 1 haben die Roten damit zwar gewonnen, sind dann aber später daran gescheitert, bei Wahl 2 ist ein Sieg der Schwarzen keineswegs aufgelegt, zumal sie ihren ureigenen Kern des vernünftigen Wirtschaftens ad absurdum führen. Da ist der Feind des professionellen Werbers der eigene Kunde – und seine Rache die Textwüste.
Manchmal wird der professionelle Werber allerdings auch zu einem Feind seiner selbst: da faselt der Chef der SP-Agentur in einem Jubelbeitrag im Falter etwas von der “Marke Faymann” und untermauert dies mit schwer erträglichen Plattitüden. Eine Marke ist kein geheimnisvolles Etwas, das man jedem X-beliebigen überstülpen kann, sondern einfach ein Produkt, das durch lange Zeit ein immer gleiches Niveau aufweist. Klassisches Beispiel: bevor es Markenlimonaden gab, hat halt jeder im Hinterzimmer irgendetwas ad hoc zusammengepantscht. Daher ist ein Mensch bestimmt keine Marke – sonst wäre er ein Automat. Macht es Faymann zu einer Marke, wenn man ihn abfotografiert wie einen Pompfüneberer am Zentralfriedhof? Wenn man ihm ein Text-Bonbon wie “zusammen arbeiten” statt “zusammenarbeiten” zuschreibt (was eh nur Philologen kapieren)? Wenn man ihn mit den Allerweltsbegriffen “sozial, entschlossen, zuverlässig” charakterisiert? Der Agenturchef: “Der Politiker bekommt dann Markenqualität, wenn er in den Köpfen, noch wichtiger, in den Herzen der Menschen Kontur, besser noch, Statur bekommt.” Aha. Leichenbestatter-Positur + Floskeln + Insidergags = Kontur x Statur. Das ist die Zauberformel. Der professionelle Werber kann darüber – nein, nicht mehr lachen. Sondern sich nur mehr wundern, wie sich Kunden von “Werbegurus” das Hirn zupappen lassen. Wau, jetzt bin ich eine Marke, denkt sich Faymann, und stellt sich bereitwillig neben Coca Cola und Fru-Fru ins Regal. Um von dort aus die Mehrwertsteuer seiner Markenkollegen zu senken. Weit haben sie’s gebracht, die Sozialdemokraten.
Anm. Super-Fi: Das Kreisky bild ist hier

Tags: Angelo Peer, Nationalratswahl 2008